Der Zeitpunkt des Abkommens ist von strategischer Bedeutung: Es stärkt die Diversifizierung der Lieferketten weg von China, sichert gegen die Unsicherheit der US-Zölle ab und untermauert die Bemühungen Europas, in einer stärker fragmentierten Weltwirtschaft vertrauenswürdige Partner mit einem demokratischen Regierungsmodell zu finden.
EU bereits jetzt zweitstärkster Handelspartner
Der bilaterale Handel zwischen der EU und Indien beläuft sich bereits jetzt auf mehr als 186 Mrd. EUR. Das Freihandelsabkommen ermöglicht EU-Unternehmen den Zugang zu einem Markt mit hohem Wachstum und deutlich niedrigeren Zöllen als bisher. Auf mehr als 96% der EU-Exporte nach Indien werden die Zölle gesenkt oder abgeschafft. Die Auswirkungen werden sich insbesondere in den Bereichen Automobilbau, Basiskonsumgüter und Industrie zeigen. Aber auch die indischen Exporte werden davon profitieren, speziell in Segmenten wie Textilien, Schmuck, Pharma und Verteidigung.
Um nur eine Branche exemplarisch zu betrachten: Die EU-Automobilhersteller erhalten einen besseren Zugang zu einem Markt, der lange Zeit von einheimischen und japanischen Marken beherrscht wurde. Bisher liegt der Anteil der EU am indischen Automobilmarkt bei nur 4 %.
Mittelmächte stellen sich weltweit neu auf
Klar ist aber auch: Das Handelsabkommen wird die europäischen Exporte oder Einnahmen nicht sofort steigern, aber es ermöglicht europäischen Unternehmen einen stabilen Zugang zu indischen Verbrauchern, die immer wohlhabender werden. Das Abkommen verdeutlicht außerdem die steigende Bedeutung von "Mittelmächten" in einem stärker fragmentierten internationalen System, in dem Einfluss zunehmend durch diversifizierte Partnerschaften statt durch enge Blockbündnisse ausgeübt wird. Angesichts des sich verschärfenden Wettbewerbs zwischen den Großmächten USA, China und Russland nutzen Staaten wie Indien und die größeren EU-Mitglieder Handels-, Technologie- und Sicherheitsabkommen, um ihre strategische Autonomie zu bewahren und eine übermäßige Abhängigkeit von einem einzigen Partner zu vermeiden.
In diesem Zusammenhang fungiert das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU als Absicherungs- und Diversifizierungsinstrument für beide Seiten: Brüssel gewinnt einen skalierbaren, demokratischen Partner in Asien, der die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und die Lieferketten für saubere Technologien unterstützt, während Neu-Delhi die Abhängigkeit von der volatilen US-Zollpolitik und den auf China konzentrierten Produktionsnetzwerken verringert. In der aktuellen geopolitischen Situation ist es mehr als einleuchtend, dass die Mittelmächte ihren Handlungsspielraum durch Regionen übergreifende Vereinbarungen und Koalitionen erweitern. Der parallele Vorstoß von Ländern wie Kanada, die aktuell die Beziehungen zu Indien in Bereichen wie kritische Mineralien, Uran und Flüssigerdgas vertiefen, passt in das gleiche Muster der Diversifizierung von Mittelmächten.
Für Indien, dessen Ölimporte aus Russland mit rund 1,3 Millionen Barrel pro Tag – trotz eines Rückgangs von Spitzenwerten nahe 2 Millionen – nach wie vor bedeutend sind, geht es bei dieser Strategie darum, die weltweiten Beziehungen zu einer größeren Zahl von wirtschaftlichen und politischen Partnern auszubalancieren.
Vertrauen in die Ertragsstabilität
Betrachtet man das Abkommen durch die „Marktbrille“, ist der entscheidende Punkt, wie Europa in einer Welt der „kontrollierten Unordnung“ navigiert. Es ändert nicht die konjunkturellen Aussichten, aber es verändert die Geometrie der Risiken. Gerade für Anleger ist diese Unterscheidung wichtig. Indien bietet europäischen Unternehmen einen großen, aber noch nicht ausreichend durchdrungenen Markt, ein anderes Nachfrageprofil als China und einen langen Investitionshorizont, der eher durch die demografische Entwicklung als durch Verschuldung bestimmt wird. Dies ist vor allem für Sektoren von Bedeutung, in denen Europa bereits über Qualität, Marken und Technologie und nicht nur über den Preis konkurriert.
Für Investoren von Unternehmensanleihen und Währungen wird sich dies schrittweise, aber richtungsweisend auswirken. Für europäische Unternehmen verringert eine breitere Exportdiversifizierung die Anfälligkeit für Schocks und Zollregelungen einzelner Länder. Dies verbessert die Widerstandsfähigkeit von Unternehmensanleihen, aber nicht die Spreads. Die Auswirkungen auf den Euro werden sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Engere Handelsbeziehungen unterstützen dann die transaktionsbezogene Verwendung des Euros in Asien, aber das ist eher eine stabilisierende Kraft als ein Trendfaktor.
Das Abkommen sollte daher in diesem Kontext gesehen werden: Es führt nicht zu einer Wachstumsbeschleunigung, verändert nicht den Konjunkturzyklus in Europa und wird die makroökonomischen Annahmen der Region wohl kaum umschreiben, aber es verbessert die Qualität des europäischen Engagements in der Welt. Widerstandsfähigkeit und Diversifizierung sind Stärken, die die Märkte zunehmend zu schätzen wissen.
Europas Chance liegt nicht darin, schneller zu wachsen als andere, sondern mit weniger Schwachstellen. Das Abkommen zwischen der EU und Indien ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
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