Vier Berichtszeiträume in Folge steigt die Zahl der zahlungsunfähigen Privatpersonen
Seit dem Jahr 2023 zeigt die Kurve nach oben. Nach Angaben von Creditreform stieg die Zahl der Verbraucherinsolvenzen 2023 um 0,8 Prozent, 2024 um 7,8 Prozent und 2025 um 7,5 Prozent; das erste Halbjahr 2026 setzt die Reihe mit plus 2,3 Prozent fort. Davor hatte die Zahl 2022 noch um 16,5 Prozent nachgegeben.
Das aktuelle Niveau bleibt trotzdem unter früheren Spitzen. Laut der Creditreform-Analyse wurden höhere Halbjahreswerte zuletzt in den Jahren 2021 und 2016 verzeichnet; im ersten Halbjahr 2012 waren es sogar mehr als 50.000 Verbraucherinsolvenzen. Der Sprung auf 78.920 Fälle im Jahr 2021 folgte unmittelbar auf den Einbruch des Pandemiejahres 2020 mit 42.300 Fällen.
Die Wirtschaftsforscher sehen zwei Kräfte gegeneinander wirken. Gestiegene Lebenshaltungskosten und die Inflation belasten laut Creditreform viele Verbraucher; zugleich zeige sich der Arbeitsmarkt noch weitgehend robust, auch wenn im verarbeitenden Gewerbe zunehmend gut bezahlte Stellen abgebaut würden. Im Mai 2026 lag die Arbeitslosenquote nach derselben Analyse bei 6,3 Prozent und damit über dem Vorjahreswert.
Wie sich die Fallzahlen seit dem Jahr 2017 entwickelt haben
Die Insolvenzstatistik von Creditreform reicht mehrere Jahre zurück und zeigt den Einbruch im Pandemiejahr ebenso wie den Nachholeffekt danach. Die Zahlen für das erste Halbjahr 2026 sind von Creditreform geschätzt.
Fünf Jahreswerte aus der Auswertung vom 23. Juni 2026 ordnen den aktuellen Stand ein:
- 2017: 71.960 Verbraucherinsolvenzen, minus 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- 2020: 42.300 Fälle, minus 32,7 Prozent – der niedrigste Wert der Reihe.
- 2021: 78.920 Fälle, plus 86,6 Prozent – der höchste Wert der Reihe.
- 2025: 76.980 Fälle, plus 7,5 Prozent.
- Erstes Halbjahr 2026: rund 38.800 Fälle, plus 2,3 Prozent gegenüber 37.920 im ersten Halbjahr 2025.
„Eine Insolvenz ist der letzte Schritt, die Überschuldung beginnt Jahre davor. Wenn beide Zahlen gleichzeitig steigen, hat sich das Problem nicht verschoben, sondern verbreitert – und wer erst im Verfahren nach Hilfe sucht, kommt spät“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.
Warum die Überschuldung breiter wächst als die Insolvenzstatistik zeigt
Die Zahl der Verfahren ist nur die Spitze der Zahlungsschwierigkeiten. Laut dem am 14. November 2025 veröffentlichten SchuldnerAtlas von Creditreform waren 2025 in Deutschland 5,67 Millionen Menschen über 18 Jahre überschuldet, 111.000 mehr als im Vorjahr. Die Überschuldungsquote stieg damit auf 8,16 Prozent nach 8,09 Prozent im Jahr 2024 – der erste spürbare Anstieg seit 2018.
Beide Formen der Überschuldung nahmen gleichzeitig zu. Nach Angaben des SchuldnerAtlas stieg die Zahl der juristisch relevanten Fälle, etwa mit Vollstreckungen oder Inkassoverfahren, um rund 39.000, während die weichen Fälle mit anhaltenden Zahlungsstörungen ohne rechtliche Folge um 72.000 zunahmen. In 69 Prozent der Kreise und kreisfreien Städte lagen die Quoten 2025 laut Creditreform höher als im Vorjahr, doppelt so häufig wie ein Jahr zuvor.
Überdurchschnittlich betroffen sind laut SchuldnerAtlas Menschen unter 30 und über 60 Jahren. Bei den Jüngeren nennt Creditreform Konsum, Kredite und Onlinekäufe als Auslöser, bei den Älteren steigende Lebenshaltungskosten und begrenzte Renteneinkommen. Fällt zusätzlich das Erwerbseinkommen weg, wird die Lage schnell eng – wie eine Umschuldung ohne laufendes Gehalt gelingen kann, beschreibt ein weiterer Beitrag.
Welche Rolle ehemals Selbstständige im Insolvenzgeschehen spielen
Ein Teil der privaten Verfahren hat einen unternehmerischen Ursprung. Laut Creditreform durchlaufen zahlungsunfähige Freiberufler und Kleinunternehmer teilweise ein vereinfachtes Verfahren, das dem der Verbraucherinsolvenz ähnelt, und werden statistisch nicht als Unternehmensinsolvenz gezählt. Für das erste Halbjahr 2026 schätzt die Wirtschaftsforschung 12.300 Insolvenzen ehemals Selbstständiger, nach 12.400 im ersten Halbjahr 2025.
Die Größenordnung entspricht fast der der Firmenpleiten. Nach Angaben von Creditreform standen den 12.300 Verfahren ehemals Selbstständiger im ersten Halbjahr 2026 genau 12.900 Unternehmensinsolvenzen gegenüber, ein Verhältnis von 95,4 Prozent. Im Gesamtjahr 2025 waren es 25.100 Verfahren ehemals Selbstständiger bei 24.010 Unternehmensinsolvenzen.
Der SchuldnerAtlas 2026 erscheint im November
Der SchuldnerAtlas erscheint jährlich im Herbst. Creditreform hat die Ausgabe 2025 am 14. November 2025 vorgestellt und erwartet darin, dass sich der negative Trend im Jahr 2026 fortsetzt; als Gründe nennt die Wirtschaftsforschung steigende Zinsen, hohe Lebenshaltungskosten und einen schwächeren Arbeitsmarkt. Die Ausgabe 2026 ist nach dem Rhythmus der Vorjahre im November 2026 zu erwarten.
Bis dahin gilt der Stand vom Juni 2026: rund 38.800 Verbraucherinsolvenzen in sechs Monaten bei 5,67 Millionen überschuldeten Erwachsenen. Auf hundert überschuldete Personen kommt damit in einem halben Jahr weniger als eine gemeldete Verbraucherinsolvenz – der weitaus größte Teil der Betroffenen bleibt außerhalb der Insolvenzstatistik.
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