Für autonome und teleoperierte Systeme greift diese Sichtweise zu kurz. Sobald Fahrzeugkontrolle vollständig digital erfolgt, verändert sich die Rolle der Rückmeldung grundlegend. Sie ist nicht mehr Ausdruck eines Fahrgefühls, sondern Teil der Systemfunktion.
Rückmeldung ist Information
Force Feedback wird häufig aus der Perspektive des Menschen betrachtet. Tatsächlich ist es jedoch in erster Linie eine physikalische Rückkopplung.
Es entsteht aus den Kräften zwischen Reifen, Fahrbahn und Fahrzeug und bildet Zustände ab, die sich nicht vollständig aus externer Sensorik ableiten lassen. Dazu gehören unter anderem:
- Haftungsgrenzen
• Reibwertänderungen
• Schlupfzustände
• Übergänge von stabiler zu instabiler Fahrzeugdynamik
Diese Effekte treten häufig früher und subtiler auf, als sie von kamerabasierten Systemen oder klassischen Umfeldsensoren zuverlässig erkannt werden können.
Was dem AD-Stack ohne physische Rückkopplung fehlt
Autonome Fahrsysteme basieren auf Modellen, die Annahmen über Fahrzeugverhalten, Reibwerte und Umgebungsbedingungen treffen. In der Realität sind diese Annahmen jedoch immer mit Unsicherheit behaftet. Ohne physische Rückkopplung bleibt dem System häufig nur die indirekte Beobachtung der Auswirkungen seiner eigenen Befehle. Erst wenn das Fahrzeug bereits beginnt, von der geplanten Trajektorie abzuweichen, wird sichtbar, dass die zugrunde liegenden Annahmen nicht mehr gültig sind.
Gerade bei wechselnden Fahrbahnzuständen – etwa bei Nässe, Eis oder losem Untergrund – kann dies dazu führen, dass Manöver angefordert werden, die physikalisch nicht mehr sicher umsetzbar sind. Physikalisch korrektes Force Feedback schließt diese Lücke, indem es unmittelbar sichtbar macht, wie viel physische Reserve tatsächlich vorhanden ist.
Force Feedback als Teil der Regelung
Wird Force Feedback systemisch gedacht, ist es kein nachgelagerter Effekt, sondern Teil des Regelkreises. Die Rückführung realer Kräfte ermöglicht es, kritische Zustände frühzeitig zu erkennen und in die Entscheidungslogik einzubeziehen.
Autonome Systeme reagieren damit nicht erst, wenn Abweichungen sichtbar werden, sondern können Entwicklungen antizipieren, bevor sie kritisch werden. Force Feedback wird so zu einem zusätzlichen sensorischen Kanal für den AD-Stack – physisch statt visuell oder akustisch.
Einfluss auf die Fahrstrategie
Die Integration physischer Rückkopplung hat direkte Auswirkungen auf die Fahrstrategie autonomer Systeme. Geschwindigkeit, Lenkwinkel und Beschleunigung lassen sich nicht ausschließlich aus Umgebung und Geometrie ableiten, sondern müssen kontinuierlich mit der realen Fahrdynamik abgeglichen werden.
Ohne diese Rückkopplung bleibt Autonomie zwangsläufig entweder konservativ oder riskant: Entweder werden große Sicherheitsreserven eingeplant, oder es entstehen Situationen, in denen physikalische Grenzen unerwartet überschritten werden. Physikalisch korrektes Force Feedback ermöglicht hingegen eine adaptive Fahrstrategie, die sich an den tatsächlichen physikalischen Bedingungen orientiert.
Mensch und System im selben Regelkreis
In teleoperierten oder überwachten Szenarien wird der Mensch wieder Teil des Systems. Force Feedback übernimmt hier eine doppelte Funktion: Es vermittelt physische Zustände an den Operator und ermöglicht gleichzeitig eine konsistente Übergabe zwischen autonomer Regelung und menschlicher Kontrolle.
Entscheidend ist dabei, dass beide auf dieselbe physische Realität zugreifen. Rückmeldung wird nicht interpretiert oder simuliert, sondern basiert auf realen Kräften. Das erhöht die Vorhersagbarkeit und reduziert Diskontinuitäten im Systemverhalten.
Warum physikalisch korrektes Force Feedback selten ist
Die Umsetzung physikalisch korrekter Rückkopplung ist technisch anspruchsvoll. Sie erfordert eine enge Kopplung von Aktorik und Sensorik, eine deterministische Regelung, eine konsistente Systemarchitektur sowie funktionale Sicherheit auch im Fehlerfall.
Normen wie ISO 26262 zur funktionalen Sicherheit definieren grundlegende Anforderungen an sicherheitskritische Systeme, adressieren jedoch nicht automatisch die Qualität physischer Rückkopplung im Regelkreis. In vielen Architekturen wird Force Feedback daher weiterhin als Komfortfunktion behandelt und nicht als integraler Bestandteil der Fahrzeugkontrolle.
Ein Reifeindikator für Drive-by-Wire-Systeme
Ob ein Drive-by-Wire-System physikalisch korrektes Feedback bereitstellt, ist ein verlässlicher Indikator für seinen Reifegrad. Es zeigt, ob Fahrzeugkontrolle als isolierte Ausführung verstanden wird oder als geschlossener Regelkreis zwischen digitaler Entscheidung und physischer Realität.
Plattformen wie NX NextMotion von Arnold NextG verfolgen einen solchen systemischen Ansatz, indem sie Fahrzeugkontrolle als integrierten Regelkreis ausführen und physische Rückkopplung als Teil der Gesamtarchitektur berücksichtigen.
Rückkopplung als Grundlage für Kontrolle
Autonome Systeme müssen nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch ihre eigenen Grenzen verstehen. Physikalisch korrektes Force Feedback macht diese Grenzen sichtbar und nutzbar – für Mensch und Maschine gleichermaßen.
Es verbindet digitale Entscheidungslogik mit realer Physik und macht Fahrzeugkontrolle zu einem adaptiven Prozess. Force Feedback ist damit kein Komfortmerkmal. Es ist ein physischer Sensor für Systemgrenzen.
Ausblick
Im nächsten Beitrag dieser Serie betrachten wir, woher echte Drive-by-Wire-Reife stammt – und warum sie selten aus reinen Autonomieprojekten entsteht, sondern aus Anwendungen, in denen physische Rückkopplung und elektronische Fahrzeugkontrolle seit Jahren unter realen Bedingungen eingesetzt werden.
We control what moves!
weitere Informationen unter: www.arnoldnextg.de/blog
Über Arnold NextG:
Arnold NextG realisiert die Safety-by-Wire®-Technologie von morgen: das mehrfach redundante Zentralsteuergerät NX NextMotion ermöglicht eine ausfallsichere und individuelle Implementierung, fahrzeugplattform-unabhängig und weltweit einzigartig. Mit dem System können autonome Fahrzeugkonzepte sicher und nach den neuesten Hard- und Software- sowie Sicherheitsstandards umgesetzt werden, ebenso wie Remote-, Teleoperation- oder Platooning- Lösungen Als unabhängiger Vorausentwickler, Inkubator und Systemlieferant übernimmt Arnold NextG die Planung und Umsetzung – von der Vision bis zur Straßenzulassung. Mit der Straßenzulassung von NX NextMotion setzen wir den globalen Drive-by-Wire-Standard. www.arnoldnextg.de
About Arnold NextG:
Arnold NextG realizes the safety-by-wire® technology of tomorrow: The multi-redundant central control unit NX NextMotion enables a fail-safe and individual implementation, independent of the vehicle platform and unique worldwide. The system can be used to safely implement autonomous vehicle concepts in accordance with the latest hardware, software and safety standards, as well as remote control, teleoperation or platooning solutions. As an independent pre-developer, incubator and system supplier, Arnold NextG takes care of planning and implementation – from vision to road approval. With the road approval of NX NextMotion, we are setting the global drive-by-wire standard. www.arnoldnextg.com
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