Der Verband koordiniert das Vorhaben; die Prüfanforderungen und Prüfkataloge erarbeitet das TÜV AI.Lab, ein Gemeinschaftsunternehmen der TÜV-Unternehmen.
Worin sich die drei KI-Zertifizierungen der TÜV-Organisationen unterscheiden
Das Rahmenprogramm umfasst laut TÜV-Verband drei Zertifizierungen, die sich in Umfang, Tiefe und Methodik unterscheiden. Welche zum Einsatz kommt, richtet sich nach dem Anwendungsfall:
- Die erste Zertifizierung richtet sich an KI-Systeme außerhalb der Hochrisiko-Kategorie des EU AI Act und prüft grundlegende Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen.
- Die zweite steht allen KI-Systemen offen, umfasst eine KI-spezifische Risikobewertung und prüft anhand der Dokumentation sowie vor Ort beim Hersteller, wie die Anforderungen umgesetzt sind.
- Die dritte ergänzt ausgewählte Eigenschaften des Systems um unabhängige technische Tests, mit denen Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit vertieft bewertet werden.
Das Programm ist nach Darstellung des Verbands mit den Anforderungen des EU AI Act kompatibel und ergänzt sie um risikobasierte und technische Prüfaspekte.
Wie viele Menschen in Deutschland KI nutzen und wie wenige der Technik vertrauen
Die Zurückhaltung ist kein deutsches Einzelphänomen, in Deutschland aber besonders ausgeprägt. Das zeigt die weltweite Studie zu Vertrauen, Einstellungen und Nutzung von KI der University of Melbourne und der Prüfungsgesellschaft KPMG, deren Deutschland-Auswertung im Mai 2025 erschien. Laut dieser Auswertung sind 32 Prozent der Befragten in Deutschland bereit, KI zu vertrauen, während 67 Prozent den Einsatz akzeptieren oder gutheißen. 71 Prozent halten eine Regulierung von KI für erforderlich, nur 33 Prozent sehen die bestehenden Schutzvorkehrungen als ausreichend an. Eine formale oder informelle Schulung zu KI haben erst 20 Prozent absolviert.
Unter Beschäftigten fällt die Bilanz gemischt aus. Nach der KPMG-Auswertung haben 65 Prozent der befragten Arbeitnehmer in Deutschland KI-Ergebnisse übernommen, ohne deren Richtigkeit zu prüfen. 57 Prozent berichten laut der Studie von Fehlern in ihrer Arbeit, die auf KI zurückgehen, und 49 Prozent haben KI-erzeugte Inhalte als eigene ausgegeben.
Warum der TÜV-Verband Prüfungen vor dem Marktstart neuer KI-Modelle fordert
Über die Zertifizierung einzelner Anwendungen hinaus richtet der Verband den Blick auf die Basismodelle. Am 21. September 2026 forderte der TÜV-Verband, besonders leistungsstarke KI-Modelle, sogenannte Frontier-Modelle, vor der Markteinführung von Behörden oder unabhängigen Prüforganisationen kontrollieren zu lassen. Als Begründung nennt Verbandspräsident Dirk Stenkamp gehäufte Vorfälle der vergangenen Monate, bei denen sich KI-Agenten selbstständig in Online-Plattformen gehackt oder ihre Testumgebungen unkontrolliert verlassen haben. Eine externe Prüfung vor der Marktzulassung eines neuen Modells gibt es nach Angaben des Verbands bislang nicht. Der Verband verlangt deshalb zusätzliche Mittel für das europäische AI Office und einen zügigen Start des AI Safety and Security Institute in Berlin.
„Ein Prüfsiegel ersetzt nicht den Blick auf das eigene System, aber es zwingt zu einer Dokumentation, die die meisten Betriebe heute nicht haben. Wer 2027 mit einem zertifizierten KI-System werben will, muss 2026 anfangen, Trainingsdaten, Entscheidungswege und Ausfallverhalten aufzuschreiben. Das ist unbequem und genau deshalb der Teil, der Vertrauen schafft“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.
Was Unternehmen bis zum Marktstart der Zertifizierungen vorbereiten können
Die Prüfung setzt an Unterlagen an, die im Betrieb ohnehin entstehen sollten. Dazu gehören ein Verzeichnis der eingesetzten KI-Systeme mit Zweck und Verantwortlichen, eine Risikobewertung je Anwendung sowie die Herkunft und Aufbereitung der Trainings- und Eingabedaten. Hinzu kommt ein Verfahren, wie fehlerhafte Ausgaben erkannt und korrigiert werden. Die zweite Zertifizierungsstufe prüft laut TÜV-Verband genau diese Dokumentation und gleicht sie vor Ort mit der Praxis ab.
Die KPMG-Zahlen zeigen, wo die Lücke im Betrieb liegt. Laut der Deutschland-Auswertung geben 46 Prozent der befragten Beschäftigten an, dass ihr Arbeitgeber eine KI-Strategie hat; ebenso viele nennen Richtlinien für den verantwortungsvollen Einsatz, und 48 Prozent berichten von Schulungen. Wer Beschäftigte an das Prüfen von KI-Antworten heranführen will, findet dazu Videoanleitungen zu ChatGPT, Claude und Prompt Engineering im Kanal Promptgeflüster von Weipprecht.
Wohin sich die Prüfung von KI-Systemen bis zum Jahresende 2026 bewegt
Die Pilotpartner der TÜV-Organisationen liefern bis Ende 2026 die Rückmeldungen, die in die endgültigen Prüfkataloge einfließen; danach sollen die Zertifizierungen schrittweise für alle Unternehmen geöffnet werden. Parallel entscheidet sich in Brüssel und Berlin, ob aus der Forderung nach Prüfungen vor dem Marktstart neuer Modelle ein Verfahren wird. Für Unternehmen, die KI-Systeme entwickeln oder einsetzen, lohnt es sich, die eigene Dokumentation bis zum Jahreswechsel an den drei Prüfstufen auszurichten.
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