Wie ein Sensornetzwerk das Handwissen von Pflegekräften aufzeichnen soll
Der Ansatz setzt am Körper der Pflegenden an, nicht am Roboter. Nach Angaben des Fraunhofer IIS erfasst ein körpernahes Sensornetzwerk reale Pflegehandlungen direkt an erfahrenen Pflegefachpersonen, etwa beim Aufrichten oder Umlagern eines Patienten. Die gewonnenen Bewegungsdaten werden analysiert, aufbereitet und anschließend auf einen humanoiden Roboter übertragen.
Der wissenschaftliche Leiter Heiko Gaßner vom Fraunhofer IIS und dem Uniklinikum Erlangen unterscheidet in der Mitteilung zwei Formen von Wissen. Die eine ist das gedankliche Wissen aus der Berufserfahrung, die andere das verkörperte Bewegungswissen, das für die Mobilisation pflegebedürftiger Menschen nötig ist. Das zweite lässt sich nach seiner Darstellung nicht sprachlich weitergeben und geht beim Ausscheiden einer Pflegefachperson verloren.
Als Datenbasis dienen laut Fraunhofer IIS digitalisierte Mobilitätseinschätzungen, die Pflegefachpersonen des Uniklinikums Erlangen über die vergangenen zehn Jahre bei stationären Patientinnen und Patienten erhoben haben. Herzstück des Vorhabens ist ein Datensatz pflegerischer Interaktionen, auf den eine künstliche Intelligenz zugreift.
Welche Doppelrolle der Roboter in der Pflegeausbildung übernehmen soll
Der Roboter soll in der Ausbildung zwei Seiten einnehmen. Laut der Projektbeschreibung demonstriert er als Pflegekraft bestimmte Bewegungsabläufe und Techniken. Als Pflegeempfangender simuliert er zugleich realistische Widerstände, wie sie beim Bewegen von Patientinnen und Patienten auftreten. Auszubildende üben damit an einer Maschine, die sowohl vormacht als auch Gegendruck leistet.
Die Motivation ist der Personalmangel. Nach Angaben des Fraunhofer IIS fehlen in Deutschland bis zum Jahr 2050 je nach Schätzung zwischen 280.000 und 690.000 Pflegefachpersonen, weil der Pflegebedarf mit der älter werdenden Bevölkerung steigt. Mit jeder ausscheidenden Fachkraft verschwindet zugleich Wissen, das in keinem Lehrbuch steht.
„Ein Roboter, der Pflegehandgriffe vormacht und Widerstand leistet, ersetzt keine Pflegekraft, aber er konserviert etwas, das bisher mit jeder Pensionierung verschwunden ist. Der eigentliche Wert liegt im Datensatz, nicht in der Maschine. Ob Auszubildende davon profitieren, entscheidet sich erst, wenn der Roboter im Lehrsaal steht und nicht im Labor“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.
Wer an dem Ladenburger Kolleg beteiligt ist und wie lange es läuft
Das Kolleg verteilt die Arbeit auf mehrere Einrichtungen. Die Förderlinie der Daimler und Benz Stiftung sieht laut Fraunhofer IIS vor, dass ein Forschungsthema über einen längeren Zeitraum von mehreren Arbeitsgruppen unter einem wissenschaftlichen Koordinator bearbeitet wird. Zusätzlich sind Partner aus der Pflegebranche eingebunden.
Beteiligt sind nach der Mitteilung vom 1. Juli 2026 vier wissenschaftliche Einrichtungen, die über drei Jahre zusammenarbeiten:
- Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen als Koordinator.
- Uniklinikum Erlangen mit den Mobilitätsdaten aus zehn Jahren stationärer Pflege.
- Universität Erlangen-Nürnberg.
- Frankfurt University of Applied Sciences.
Das Prinzip soll sich nach Darstellung des Instituts auf andere Bereiche übertragen lassen, in denen Erfahrungswissen mit dem Ausscheiden älterer Beschäftigter verloren geht, etwa in der industriellen Produktion, im Handwerk oder in der Landwirtschaft.
Wie die Technische Universität München ihren Assistenzroboter für die Pflege umgebaut hat
Ein zweites Vorhaben des Jahres 2026 zeigt, wie sich Forschungsroboter dem Pflegealltag annähern. Am 22. Januar 2026 hat die Technische Universität München (TUM) die neue Generation ihres Assistenzroboters Garmi bekannt gegeben, entwickelt im Forschungszentrum in Garmisch-Partenkirchen. Laut der Mitteilung der TUM sitzt der Oberkörper des Roboters auf einer kippsicheren fahrbaren Basis mit einer ausfahrbaren Hubsäule, dazu kommen zwei Arme, ein Kopf mit gelegentlich zwinkernden Augen und ein Bildschirm auf Brusthöhe.
Die Sensorik ist auf das Umfeld einer Wohnung ausgelegt. Nach Angaben der TUM nehmen Kameras auf Augenhöhe Bewegungen wahr, ein Lidar auf Beinhöhe hält Abstand zu Gegenständen, und 3D-Kameras sollen künftig die Bewegungen der Arme absichern. Der Roboter versteht laut TUM Sprache, entwickelt eigenständig einen Plan und bringt etwa etwas zu trinken.
Anders als der erste Garmi wurde die neue Generation gezielt für den Pflegekontext entwickelt. Grundlage waren nach Darstellung der TUM mehrere Workshops mit Pflegenden, älteren Menschen, Ärztinnen und Ärzten sowie Robotikforschenden. Gesicht und Bildschirm sind getrennt: Soziale Interaktion läuft über das Gesicht, eine ärztliche Fernuntersuchung über den Bildschirm. Welche Aufgaben Roboter im Alltag heute übernehmen und wo ihre Grenzen liegen, ordnet ein Beitrag über den Nutzen von Robotern für Menschen im Alltag ein.
Wann die Forschungsroboter den Weg in Pflegeeinrichtungen und Haushalte finden
Beide Projekte stehen am Anfang, nicht am Ende. Nach Angaben der TUM wird der neue Garmi im nächsten Schritt sicherheitstechnisch abgesichert, damit ein Einsatz in Pflegeeinrichtungen und im häuslichen Umfeld von Seniorinnen und Senioren möglich wird. Als weitere Anwendungen nennt die TUM Hilfe beim Aufstehen, die Erinnerung an Medikamente und die Teilhabe am Sozialleben.
Das Erlanger Kolleg liefert seine Ergebnisse nach der Laufzeit von drei Jahren, also im Jahr 2029. Für Haushalte in Deutschland heißt das im Herbst 2026: Roboter, die Pflegehandgriffe beherrschen, entstehen derzeit in Lehrsälen und Forschungszentren, nicht im Handel. Was heute im Wohnzimmer steht, saugt, wischt oder mäht. Die Brücke von dort zum Pflegebett bauen Datensätze aus zehn Jahren Klinikalltag und Workshops mit denen, die später mit den Maschinen arbeiten sollen.
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