In der Praxis trifft sie jedoch einen wunden Punkt: Vergütung ist in vielen Organisationen nicht systematisch entschieden, sondern historisch gewachsen, verhandelt oder situativ begründet.
Das Ergebnis:
- lange Abstimmungen zwischen HR, Fachbereich und Geschäftsführung
- Kandidaten springen spät im Prozess ab – wegen Gehalt
- intern entstehen Ungleichheiten, die kaum erklärbar sind
Mit 2026 wird dieses Vorgehen nicht nur ineffizient, sondern riskant.
Was die Lohntransparenzrichtlinie konkret verändert
Die EU‑Lohntransparenzrichtlinie (Pay Transparency Directive) verpflichtet Unternehmen zu mehr Nachvollziehbarkeit in der Vergütung – bereits im Recruiting.
Die drei zentralen Anforderungen:
1. Gehaltsspannen in Stellenanzeigen oder vor dem Interview
Unternehmen müssen Bewerberbenden frühzeitig mitteilen:
- das konkrete Einstiegsgehalt oder
- eine realistische Gehaltsspanne für die ausgeschriebene Position
Formulierungen wie „attraktive Vergütung“ oder extrem breite Spannen erfüllen den Zweck nicht.
2. Keine Fragen zur Gehaltshistorie
Die Praxis, sich am bisherigen Gehalt zu orientieren („Was haben Sie bisher verdient?“), wird untersagt.
Vergütung soll sich an Rolle, Verantwortung und Markt, nicht an individueller Verhandlungshistorie orientieren.
3. Erklärbarkeit nach innen und außen
Unternehmen müssen begründen können:
- warum eine Rolle in einer bestimmten Gehaltsspanne liegt
- warum zwei vergleichbare Positionen unterschiedlich vergütet werden
Die Beweislast bei Ungleichbehandlung verschiebt sich – mangelnde Systematik wird zum Risiko.
Warum Lohntransparenz kein HR‑Projekt ist, sondern ein Business‑Thema
Gerade für Geschäftsführer und Produktionsleiter ist entscheidend:
Die Richtlinie beeinflusst nicht nur das Employer Branding, sondern messbar die operative Leistungsfähigkeit.
Typische Effekte schlechter Gehaltstransparenz:
- Verzögerte Besetzungen in kritischen Rollen
- Überstunden, Schichtausfälle, Produktivitätsverluste
- steigende Fluktuation bei vergleichbaren Aufgaben
Transparenz zwingt Unternehmen dazu, vor der Ausschreibung klare Entscheidungen zu treffen – und genau das beschleunigt Recruiting.
Der größte Denkfehler: „Dann zahlen wir halt mehr“
Lohntransparenz bedeutet nicht automatisch höhere Personalkosten.
Sie bedeutet klarere Regeln.
Unternehmen, die vorbereitet sind, stellen fest:
- weniger Nachverhandlungen
- weniger Einzelentscheidungen
- weniger Gehaltsausreißer nach oben
Der Hebel liegt nicht im Budget, sondern in der Struktur.
Ein praxistaugliches Modell für klare Gehaltsspannen
1. Jobfamilien statt Einzelrollen
Ähnliche Tätigkeiten werden zu Rollenclustern zusammengefasst – z. B.:
- Produktion
- Instandhaltung
- Logistik
- Administration
Innerhalb einer Jobfamilie werden 2–4 Level definiert. Das reduziert Sonderfälle drastisch.
2. Maximal drei objektive Vergütungskriterien
Bewährt haben sich:
- Verantwortungsumfang (z. B. Anlagen, Budget, Personal)
- erforderliche Qualifikation/Knappheit
- Markt- bzw. Standortfaktoren
Wichtig: Je mehr Kriterien, desto schwieriger die Anwendung. Einfachheit schlägt Präzision.
3. Klare Regeln für Ausnahmen
Ausnahmen sollten möglich sein – aber definiert, nicht verhandelt:
- Wann darf das obere Ende der Spanne ausgeschöpft werden?
- Wann bewusst nicht?
Das schützt vor interner Ungleichheit und externem Preisdruck.
4. Integration in den Recruiting-Prozess
Gehaltsspannen entfalten Wirkung nur, wenn sie:
- Teil des Fachbereich‑Briefings sind
- aktiv im Erstkontakt kommuniziert werden
- Grundlage des Angebots sind – nicht dessen Ergebnis
Praxisbeispiel: Schichtbetrieb im Mittelstand
Ein Produktionsunternehmen sucht kurzfristig Elektroniker für die Instandhaltung.
Früher: individuelle Verhandlungen, lange Entscheidungswege, Kandidaten abspringen.
Nach Einführung klarer Gehaltsspannen:
- HR kommuniziert Spanne und Zuschläge direkt im Erstgespräch
- Fachabteilung bewertet ausschließlich Qualifikation und Einsatzfähigkeit
- Angebote werden schneller gemacht – und häufiger angenommen
Nicht weil mehr gezahlt wird, sondern weil klar entschieden wird.
Die richtigen KPIs für mehr Transparenz UND Geschwindigkeit
Unternehmen sollten Lohntransparenz nicht moralisch, sondern operativ messen:
- Absprungrate aus Gehaltsgründen
- Offer-Acceptance-Rate
- Time‑to‑Offer
- Anteil bandkonformer Angebote
- Verhältnis Neueinstellungen zu Bestandsgehältern
Diese Kennzahlen zeigen sehr schnell, ob Transparenz wirkt – oder nur kommuniziert wird.
Fazit: 2026 trennt strukturierte von reaktiven Arbeitgebern
Die Lohntransparenzrichtlinie kommt – unabhängig davon, wie Unternehmen dazu stehen.
Entscheidend ist nicht, ob man transparent wird, sondern wie.
Wer Gehaltsspannen als Pflichtübung behandelt, riskiert Reibung und Unsicherheit.
Wer sie als Anlass nutzt, Entscheidungen zu klären und Prozesse zu strukturieren, gewinnt:
- schnellere Besetzungen
- höhere Abschlussquoten
- geringeres Risiko
- mehr Vertrauen auf beiden Seiten des Arbeitsmarkts
Lohntransparenz ist kein Verlust an Kontrolle – sie ist ein Gewinn an Steuerbarkeit.
Wenn Sie diese Themen strukturiert angehen möchten, sprechen Sie gerne mit uns.
Wir unterstützen Unternehmen dabei, Recruiting‑ und Vergütungsentscheidungen klar, marktgerecht und umsetzbar auszurichten.
Trenkwalder zählt zu den führenden Outsourcing-Dienstleistungsunternehmen in Zentral- und Osteuropa mit über 700 Mio. EUR Umsatz und ist in 15 europäischen Ländern vertreten. Mit über 40 Jahren Erfahrung ist die Trenkwalder Group einer der führenden Personaldienstleister in Österreich und Ungarn und verfügt über eine flächendeckende Präsenz in der DACHLI-Region sowie den osteuropäischen Ländern. Trenkwalder hat sich in den vergangenen Jahren sukzessive von einem Zeitarbeits- und Personalberatungsunternehmen zu einem digitalen allround-hybrid-Anbieter entwickelt. Heute bietet die Gruppe als strategischer Partner für Kunden aus allen Wirtschaftszweigen Lösungen in den Bereichen Personalbereitstellung, HR-Services und Business Process Outsourcing. Seit 2011 gehört das Unternehmen zur Droege Group mit Sitz in Düsseldorf. www.trenkwalder.com
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